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"Noah"

Noah lag gemütlich auf der Couch seines Wohnzimmers und schlief. Diesen Mittagsschlaf hatte er sich redlich verdient. Schließlich war er den ganzen Morgen unterwegs gewesen.

Seine Füße schmerzten, seine Kehle war in Mitleidenschaft gezogen. Treppauf, treppab, immer munter und fröhlich mit den Leuten geredet und doch hatte er, der Generalvertreter für Toilettenbürsten, heute noch keine einzige solche Bürste verkauft.

Er hatte es deutlich zu spüren bekommen: seit ein paar Wochen war die Kauflust der Leute spürbar gesunken. Sollte dieser Trend anhalten, würde er in absehbarer Zeit gezwungen sein, in die Fabrik zu gehen und am Fließband zu arbeiten.

Und das paßte ihm überhaupt nicht. Er brauchte den Kontakt mit den Menschen, er brauchte die Bewegung, er brauchte seine ganze Vertretertätigkeit.

Wie gesagt, er lag gemütlich auf seiner Couch.

Auf einmal begann ein Höllenspektakel, ein Schlag dröhnte durch das Haus, daß die Wände wackelten und die Fenster klirrten. Man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen.

Das machte Noah überhaupt nichts aus, da er nichts sagte. Er dachte nur: "Diese verflixten Kinder!" und drehte sich auf die andere Seite um weiterzuschlafen.

Wieder ertönte ein Schlag, der den ersten an Lärmwirkung sogar noch übertraf.

Noah richtete sich halb auf.

Was machten die Kinder heut bloß? Sonst waren sie doch nie so laut?! Das klang ja fast wie eine Explosion!

Um Himmels willen! Die Kinder hatten doch nicht etwa eine Atombombe gebaut und probierten sie jetzt aus?!

Schnell sprang Noah auf. Er stieß sich dabei das Schienbein. Er suchte seine Pantoffeln, doch ohne Erfolg.

"Dieser Köter hat doch bestimmt die Pantoffeln wieder zum Spielen benutzt. Warte, wenn ich dich erwische!"

So hinkte er auf Strümpfen und immer noch schmerzenden Füßen, sich das Schienbein haltend, die Treppe hoch zum Zimmer seiner jüngsten Kinder, zweier holder Knaben im zarten Alter von 10 und 11 Jahren. Sie hockten verängstigt auf einem Bett und sahen ihn mit großen, leuchtenden Kinderaugen an.

"Pappi, was ist denn passiert? Hast du wieder zwei von Mammi's Vasen zertrümmert?"

Wütend drehte sich Noah um. Ihm dem sonst so redegewandten fiel auf diese so naiv und unschuldig hervorgebrachte Anschuldigung keine Erwiderung ein. Was fiel den beiden ein, ihm so etwas zu sagen?

Nun hatte er doch nicht herausbekommen, was er wissen wollte. Er legte sich wieder hin.

Kaum war er wieder eingeschlafen, dröhnte es zum dritten Mal. Eine Stimme hallte durch den Raum: "Noah, Noah."

Dieser rieb sich die Augen. Wer war da so frech in sein Wohnzimmer eingedrungen?

Er sah sich um, kein Mensch war zu sehen. Es schien ihm allerdings, als ob der Raum etwas heller geworden wäre.

"Noah. Hör genau zu, Gott, der Herr, spricht. Ich habe dir etwas äußerst Wichtiges mitzuteilen. Ich habe die Menschheit zu meinem Ebenbild geschaffen und habe sie dann lange beobachtet. Nun habe ich festgestellt, daß die Menschen nicht mehr an mich glauben und nur noch gegen meinen Willen handeln.

Ich bin tief enttäuscht. Ich habe deshalb beschlossen, die ganze Menschheit zu vernichten. Der einzige, der noch an mich glaubt, mich verehrt und meinen Weisungen folgt, bist du. Deshalb sollst du, deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne gerettet werden.

Ich habe vor, es tage- und wochenlang regnen zu lassen. Die ganze Welt wird überschwemmt werden. Bau dir deshalb einen Kasten aus Tannenholz. 138 Meter lang, 23 Meter breit und 14 Meter hoch. Ein Fenster machst du in die Mitte der einen Seite, 50 x 50 cm groß.

Außer dir und deinen nächsten Verwandten soll noch die Tierwelt gerettet werden. Deshalb nimmst du von jeder Tierart ein Paar mit in die Arche. Und von bestimmten Tierarten, die ich dir noch näher bezeichnen werde, nimmst du je sieben Exemplare mit."

Gott hatte gesprochen. Es war ruhig im Haus. Noah wußte nicht, wie ihm geschah.

Träumte er oder wachte er?

Er griff zu der handelsüblichen Methode, sich vom Wachsein zu überzeugen. Er kniff sich mit voller Kraft in den Arm und ... schrie laut auf. Er hatte nicht geträumt. Der Schmerz und ein blauer Fleck waren der Beweis dafür.

Noah sprang auf, als ob er den Schmerz an einer
ganz anderen Stelle verspürt hätte und raste zum Telefon.
Seine verheirateten Söhne mußte er unbedingt sofort anrufen.

"Sem, du mußt sofort zu mir kommen.
- Was, dein Friseurladen ist voller Kunden? Macht nichts.
- Komm sofort, aber mit deiner Frau!"

"Ham, komm mal zu mir rüber, bring deine Frau mit.
- Nein, wir feuern keine Party.
- Du brauchst dir auch nicht deinen Konfirmandenanzug anzuziehen.
- Ich habe keine Zeit mehr. Komm rüber."

"Japheth. Komm zu mir rüber. Bring deine Frau mit.
- Wie bitte, sie kann nicht kommen, sie hat einen Kuchen im Ofen?
- Das, was ich euch zu sagen habe, ist viel wichtiger als ein angebrannter Kuchen.
- Nein, ich habe nicht im Lotto gewonnen und gebe auch keinen aus."

&

Zehn Minuten später war das sowieso viel zu kleine Wohnzimmer der Familie Noah überfüllt.

Den Familienoberhauptsessel hatte natürlich Noah höchstpersönlich besetzt. Seine Frau saß auf der Familienoberhauptsessellehne. Die übrigen drei Sessel wurden von den drei Frauen seiner Söhne mit Beschlag belegt. Sem und Ham hatten auf der Wäschetruhe Platz genommen, neben der Wäschetruhe saßen die beiden jüngsten Söhne auf dem Boden.

Man wird nun mit Recht fragen, wo denn der dritte der erwachsenen Söhne Noahs, nämlich Japheth saß. Dieser Schlingel hatte sich auf das Aquarium gesetzt und damit den dort zur Zeit noch ihr Leben fristenden 17 Fischen die ganze Sicht verdeckt.

Na ja, so schlimm wird es wohl nicht gewesen sein, das wissen wir aus unseren Erfahrungen von der Sintflut her. Es ging damals den Fischen am besten, das wissen wir genau.

Schließlich wird den meisten von uns die Sintflut sicher unvergeßlich bleiben.

Wie gesagt: alle saßen beisammen und lauschten mehr oder weniger ehrfurchtsvoll Stammvater Noahs gesetzten und in den vergangenen 10 Minuten wohlüberlegten Worten. Japheth war einer der weniger Ehrfurchtsvollen. Er versuchte nebenbei, seinen Lieblingsfisch, den kleinen Moby, zu streicheln.

Doch je mehr die Zeit fortschritt, je mehr seine Versuche ihm immer weniger erfolgversprechend erschienen und vor allen Dingen je mehr Noah auf den springenden Punkt seiner Ausführungen kam, desto ruhiger und aufmerksamer wurde er. Er paßte sich zum ersten Mal in seinem Leben der restlichen Familie an.

Mit einiger Verspätung klappte auch seine Kinnlade (als neunte!) nach unten und rastete dort hörbar ein.

In dieser nicht allzu bequemen Stellung verblieben die genannten Gesichtsteile, bis Noah sich kurzfristig nach einer Stunde entschloß, seine Rede zu beenden.

Immerhin war dieser Zeitraum lange genug, um 9 von 10 Mitgliedern der Familie Noah einige Tage lang noch recht kräftige Kieferschmerzen zu bescheren.

In Anbetracht des Alters des untenstehenden Dokumentes
(immerhin weit über 2000 Jahre)
bitte ich die mangelnde Qualität zu entschuldigen.

Nun ging die Arbeit los. Noah bestellte Holz beim Holzgroßhändler Hammamed. Der hatte so viel Holz nicht vorrätig und erst recht nicht in der Größe, in der Noah es haben wollte.

Hammamed, Holzgroßhandel, Holz in allen Arten, Maserungen und Schattierungen, Holzim- und export, Zedern aus dem Libanon, Hoflieferant der Griechen Agamemnon, der bei ihm das Holz zum Bau des Trojanischen Pferdes bestellte.

Werbesprüche:

Wenn's um gute Hölzer geht,
schau vorbei bei Hammamed.

Manches Haus erst richtig steht,
wenn's Balken sind von Hammamed.

Dieser Hammamed also rief sofort das Sägewerk an, das rein zufällig seinem Schwager Al Achmed gehörte. Al Achmed's Sägewerk, seit 7 Degenerationen im Familienbesitz.

Werbespruch:

Brauchst Zedern du from Libanon,
Al Achmed besorgt sie schon.

Dieser ließ alle anderen Aufträge zurückstellen und nur die Hölzer zuschneiden, die Noah brauchte.

Aber auch Al Achmed mit seinen vielfältigen Beziehungen und ebenso zahlreichen Verwandten in allen Bereichen der Holzbranche hatte nicht genügend Holz vorrätig.

Er rief sofort seinen Schwager Harun Bei an, den Chef der mächtigen Holzfällergewerkschaft und bestellte bei im die nötige Holzmenge.

Harun Bei schüttelte sein in Ehren und der Familienstreitigkeiten wegen ergrautes Haupt: "So viel Holz darf ich nicht einmal in den nächsten beiden Jahren schlagen. Das Ministerium für Landwirtschaft und Forsten sowie das Ministerium für Umweltschutz haben die Zahl der Festmeter festgesetzt. Ich kann es euch nicht liefern, auch wenn je einer meiner Schwager in den Ministerien sitzt,"

Al Achmed kratzte sich am Bart und wählte die Nummer von Hammamed. Mit tränenerstickter Stimme (des ihm anscheinend entgehenden Geschäftes wegen) teilte er ihm die harten und unabänderlichen Tatsachen mit.

Hammamed kratzte sich am Bart und wählte die Nummer von Noah. Schluchzend und stockend unterbreitete er Noah schonend den harten Schicksalsschlag (der ihn traf, da ihm das Geschäft durch die Lappen gehen sollte.)

Noah kratzte sich am Bart und wählte ... oh, Entschuldigung, er wählte selbsverständlich nicht, sondern überlegte stattdessen. (Man beachte den Doppelsinn, wenn man den letzten Satz auf die heutige Zeit übertrüge!)

Die einzige Möglichkeit, die ihm auf Anhieb einfiel, war, mit seinem Auftraggeber Rücksprache zu halten. Wenn Gott diesen Plan ausgeführt haben wollte, so würde er sicher auch dafür gesorgt haben, daß alles glattging.

Und Gott hatte.

Er empfahl Noah, seinen ihm von Gott gegebenen Verstand zu benutzen und scharf nachzudenken. Er, Gott, werde ihn bei der Ausführung unterstützen.

Noah versank in tiefes, schlafähnliches Nachdenken.

Er kratzte sich wieder am Bart als Abschluß seiner erfolgreichen Überlegungen und wählte die Nummer von Hammamed.

"Lieber Hammamed, ich garantiere dir dafür, daß du kurze Zeit nach dem Verkauf des Holzes an mich keine Sorgen mehr wegen der Holzbeschaffung haben wirst. Weder du, noch der Chef der Holzfällergewerkschaft."

Irgendwie scheint das untenstehende Dokument etwas naß
und damit etwas unleserlich geworden zu sein. 
Wenn man nur herausbekommen könnte, was da passiert ist?!

Hammamed war beruhigt. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und wählte die Nummer von Al Achmed.

"Du, das Geschäft geht klar. Noah garantiert und dafür, daß wir keine Schwierigkeiten mit der zukünftigen Holzbeschaffung haben werden. Ich nehme an, dieser Trottel will sich nur ein großes Modell zum Anschauen zusammenbauen, sich damit vielleicht einen Jugendtraum erfüllen und das Holz dann wieder an uns verkaufen. Natürlich nehmen wir gebrauchtes Holz nur mit 30% des Verkaufspreises in Zahlung. Wir machen also ein gutes Geschäft."

Al Achmed war beruhigt. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und wählte die Nummer von Harun Bei.

"Hör mal genau zu, das Geschäft mit Hammamed und Noah können wir getrost machen. Noah will das Holz anscheinend nur einmal benutzen und es dann zu 30 % des ursprünglichen Preises an uns zurückverkaufen. Das wird ein Geschäft für uns. 70 % Gewinn. Da kommt mir gerade eine sagenhafte Idee zur Gründung einer neuen Firma. Wir würden damit genau in eine Marktlücke hineinstoßen. Seit Jahrhunderten unbefriedigte Bedürfnisse könnten endlich gedeckt werden. Ganz grobe Kalkulation: Verleihpreis für Bastelholz so ca. 20 % des Kaufpreises. Nach fünfmaligem Verleihen haben wir das Holz praktisch verkauft und besitzen es trotzdem noch. Das ist doch des Überlegens wert, meinst du nicht? Und Hammamed brauchen wir auch nicht zu beteiligen. Wir machen dann einen 'Verleih ab Sägewerk' auf."

&

Noah hatte keine Ahnung von alledem. Ihn plagten andere Sorgen. Er mußte Nägel besorgen, Pech, Werg, und all die vielen Kleinigkeiten, die man so braucht, ganz zu schweigen con der Verpflegung für einige Zeit. Er überprüfte sein Bankkonto.

Es war gerade so viel drauf, dass es für einen neuen Sechs-Zylinder-Eselkarren Super Sport De Luxe mit 4 ES (Eselstärken), Scheibenbremsen, Schiebedach, Sonnenblende und ein paar andere Extras gereicht hätte.

Schweren Herzens hob er das Geld ab, da er als logisch denkender Mensch einsah, dass er den Wagen sowieso nicht lange hätte fahren können. Er rechnete hin, er rechnete her und wieder hin und sah dann ein, dass das Geld nicht reichte, egal, welche Transaktionen er auch tätigen würde. Für all die unzähligen Kleinigkeiten reichte es, nur für eines nicht: für das Holz.

Er seufzte, dachte an die Telefonrechnung für diesen Monat, tröstete sich aber gleich darauf mit dem Gedanken, er werde besagte Rechnung nicht mehr begleichen müssen, hob den Hörer ab und klingelte Hammamed an.

"Lieber Freund. Ich habe ausnahmsweise eine Bitte an dich. Wie du weißt, habe ich im Moment größere Ausgaben, die ich zum überwiegenden Teil in Waren deines Geschäftes anlegen werde. Ich erwarte allerdings noch einen größeren Betrag von meiner Firma anläßlich meiner 25-jährigen Betriebszugehörigkeit. Es ist mir deshalb nicht möglich, das Geld für deine paar alten, morschen Bretter sofort zu zahlen. Wäre es dir deshalb unter Umständen vielleicht möglich, mir die Zahlung für ein paar Tage zu stunden?"

Erstaunlicherweise hatte Noah Glück.

Hammamed verschob die Zahlung auf einen späteren Termin, nicht ohne einen Schuldschein in Empfang zu nehmen, der ihm 23 % Zinsen im Jahr garantierte. Er hatte dabei den Hintergedanken: "Einem armen Irren" (Anmerkung: gemeint ist Noah!) "kann ich das ruhig gestatten, besonders, wenn ich viel an ihm verdiene."

Diese Sorge war Noah schon mal los.

&

Den zweitgrößten Posten der Ausgabenseite neben dem Holz nahm der Artikel Teer und Pech ein.

Die fast 5500 qm Außenfläche mußten schließlich wasserdicht gemacht werden und zu diesem Zweck mußte die Schicht mindestens 10 cm dick sein. Das entsprach ungefähr 500 Kubikmetern Teer bzw. Pech.

Noah hatte Glück mit seinem Pech. Sein Schwager war Vorsitzender des Aufsichtsrates der Massel-Pech-KG. Dieser besorgte ihm, zwar unter Schwierigkeiten, die erforderliche Menge zu einem sagenhaft günstigen Sonderpreis. Von dem dadurch gesparten Geld blieb leider der größte Teil an den mit Teer und Pech versehenen Fingern der Arbeiter hängen.

Besagter Schwager besorgte Noah auch zwei große Teeröfen und sorgte persönlich für den Transport, um ebenso persönlich eine kleine Anerkennung für seine Mühen in Form eines Geldgeschenkes entgegenzunehmen. Mit Teer und Öfen hatte Noah nun alles zusammen, was er brauchte.

&

Jetzt begannen andere Sorgen. Wie sollte er das riesige Ding zusammenbauen? Es hatte grobgerechnet 50.000 Kubikmeter Inhalt!

Er trommelte sämtliche nahen und fernen Verwandte zusammen und begann zu hämmern, zu sägen, zu nageln, zu flicken, zu teeren und was sonst noch alles dazugehörte.

Die Arbeit ging recht flott voran. Nach Noahs Berechnungen mußte die Arche (komischer Name!) in 2 - 3 Jahren fertig sein.

Eine Sache störte Noah noch mehr als die Aussicht auf 2 - 3 Jahre handwerklicher Schwerstarbeit (zumal er nicht wußte, für wann Gott den Beginn der Bestrafungsaktion angesetzt hatte), und das waren die vielen Zuschauer, die ihn an allen möglichen und unmöglichen Stellen behinderten. Nur mit großem Stimmaufwand und unter Anwendung sanfter Gewalt war es ihm möglich, einige Kinder von Zuschauern daran zu hindern, in die Teeröfen zu fallen.

Ihm als ausgezeichnetem (mit der Goldenen Toilettenbürste!) Vertreter fiel sehr bald etwas ein, das seinem Niveau entsprach. Um es ganz schlicht und bescheiden zu sagen: es war genial.

Seine Frau pinselte mit dem Küchenpinsel in mühevoller Arbeit folgendes Schild:

WIR MÖGEN KEINE ZUSCHAUER!

ENTWEDER

SIE VERSCHWINDEN UND SEHEN NICHTS VON DIESEM
IN DER WELTGESCHICHTE EINMALIGEN BAU, DEM
EINZIGEN SCHIFF IN DER WÜSTE

ODER

SIE HELFEN UNS!

WIE? GANZ EINFACH! ENTWEDER SIE BEZAHLEN FÜR
DAS ZUSCHAUEN ODER SIE ARBEITEN MIT!

NOAH

Der Erfolg war überwältigend. Jeder freute sich, an diesem einzigartigen Bauwerk mitarbeiten zu dürfen. Die Hilfsbereitschaft war so groß, dass Noah sogar Zuschauer dafür einsetzen konnte, Absperrungen zu bauen, hinter die die freiwilligen Arbeiter dann gejagt wurden, als sie mit der Arbeit fertig waren.

Andere wurden dann dafür eingesetzt, von den Leuten hinter den Absperrungen die Zuschauergebühr zu kassieren.

Trotzdem oder gerade deswegen waren alle Beteiligten derart begeistert, dass noch Generationen später alle Leute davon erzählt hätten, wenn nicht diese dumme Sache mit der Sintflut passiert wäre, die bekanntlich sehr viele Leute sehr geärgert hat.

Da die meisten Leute lieber das Geld sparten und stattdessen tatkräftig mithalfen, konnte das Schiff innerhalb von 14 Tagen fertiggestellt werden.

Durch das Besichtigungsgeld derer, die bei der Schlange am Arbeitsbüro zur Seite gedrängt wurden und so ihre Arbeitskraft nicht anbieten konnten, konnte der Bau der Arche fertigbezahlt und sogar noch ein Farbfernsehgerät sowie etliche weitere Neuerungen technischer Art angeschafft werden.

&

Die Arche war fertig. Der warme Geldregen floß allerdings unaufhaltsam weiter und dem geschäftstüchtigen Noah blieb nichts anderes übrig, als das Geld anzunehmen. Anderenfalls hätten sich die Spender beleidigt gezeigt.

Beim Kassensturz merkte man, dass man eigentlich mehr hatte, als man brauchte und noch verbrauchen konnte und noch waren nicht alle Einträge eingeplant. Einige Objekte liefen noch.

Noah verkaufte sogar noch die Werbeflächen an den Seiten der Arche. Geschäftstüchtige Kaufleute ergriffen sofort diese Werbemöglichkeit mit der höchstmöglichen Breitenwirkung. Das höchste Angebot erhielt jeweils den Zuschlag.

Direkt am Heck hing folgendes Plakat:

WÜSTODENT!

DIE GROSSARTIGSTE ZAHNPASTA, DIE ES JE GAB!

DIE ZAHNPASTA MIT DEM
ORIGINAL-WÜSTENSAND-KNIRSCHEN
ZWISCHEN DEN ZÄHNEN!

WÜSTODENT!

MIT DEM GLÄNZEN EINER FATA MORGANA!

Man merkt, Noah war ein außerordentlicher Geschäftsmann. Dies war allerdings nur eine seiner vielen guten Eigenschaften, die erst jetzt zutage traten.

Daneben war er ein ideen- und trickreicher Erfinder. Für einen lächerlich geringen Betrag hatte er bei dem Chefzoologen seiner Heimatstadt, Professor Dr. Grzim, ein Giraffenskelett erstanden. Er leimte es zusammen und am Halsansatz baute er ein bewegliches Gelenk ein. Noch schnell eine Kette am Hals befestigt und über ein paar Rollen geführt: fertig war der erste Kran.

Er sah zwar aus wie eine tote Giraffe, aber so sehen die heutigen Kräne auch noch aus.

Seit Gott Noah die genauen Zahlen der Tierarten und der mitzunehmenden Exemplare mitgeteilt hatte, pflegte Noah einen regen Briefwechsel mit dem Verein zum Schutze der Tierwelt, der direkt vom Ministerium für Umweltschutz finanziert wurde. Er bat um namentliche Benennung von je 2 Tieren jeder Art (in besonders bezeichneten Fällen sogar 7 Tiere), die der Verein für würdig und geeignet hielt, mitgenommen zu werden.

Der sehr ehrenwerte Vorstandsvorsitzende Sir Eliahim glaubte nicht an diese Weltuntergangstheorie, die seiner Meinung nach von der Opposition in Umlauf gesetzt worden war, um der jetzigen Regierung zu schaden. Er hielt allerdings Noah für einen der zahmsten Vertreter dieser Richtung, dazu für einen armen Irregeleiteten und nur aus diesem einen einzigen Grunde spielte er das "Spielchen" mit.

Die Erstellung der Liste dauerte nur um weniges länger als der Bau der Arche, obwohl der Verein zum Schutze der Tierwelt als kleines Anhängsel des Ministeriums für Umweltschutz mit nur 55 Mitarbeitern auskommen mußte, ganz im Gegensatz zu Noah, der ja, wie bekannt, über ungeahnte Heerscharen von Helfern verfügte.

Somit konnte das Beziehen der Quartiere beginnen.

Während Familie Noah zur Belustigung aller Zuschauer, die nun von der Vergnügungssteuer (sprich Besichtigungsgebühr) befreit waren, da Noah seine Zeit nicht mehr mit dem Einnehmen von Geld verplempern konnte, mit Sack und Pack, Kind und Kegel, Radio und Fernseher in die Arche einzog, waren ein Dutzend LKW's zum Vereinshaus des Vereines zum Schutze der Tierwelt unterwegs, um die dirt bereitstehenden und sich auf den "Ausflug" freuenden Tiere abzuholen.

Elfmal waren sie unterwegs, bis alle Tiere an der Arche standen. Sie mußten sich ordentlich nebeneinander aufstellen, während Noah aus einer großen Liste vorlas, wer in welche Kabine komme.

In den Gängen des gewaltigen Bauwerkes hatten sich die Familienmitglieder der Familie Noah aufgestellt, um den Tieren zu helfen, die sich nicht zurechtfanden.

Noahs oberstes Prinzip war: jedes Tier soll sich nach Möglichkeit ohne fremde Hilfe zurechtfinden. Jedes Tier begibt sich mit körpereigenen Fortbewegungsmitteln in seine Kabine.

 

Je nachdem, wie ich Zeit und Lust habe,
werde ich meine eigene Geschichte weiter abtippen,
um sie besser lesbar zu machen
und nur noch die Zeichnungen als eingescannte Bilder beibehalten.

 

Dann nahm er dieselbe Taube und ließ sie wieder hinaus. Sie beschwerte sich zwar, aber es half ihr nichts, es gab damals halt noch keine Taubengewerkschaft (sprich Tierschutzverein).

Die Taube kam abends wieder und landete auf dem Rand der Klappe. Sie saß da, man könnte fast sagen, mit einem Grinsen auf dem Gesicht, und sagte: "Da, Boß!". Sie ließ etwas fallen, ein Blatt nämlich, das sie von einem Baum gepflückt hatte.

Noah, der Übervorsichtige, wartete wieder eine Woche und ließ die Taube wieder los.

Diesmal freute sie sich darüber. Sie freute sich so sehr, dass sie nicht mehr wiederkam.

Nun hielt Noah es nicht mehr aus. Er ließ sich Hämmer, Brecheisen, Sägen und ähnliche Sachen mehr kommen und alle begannen, das Dach abzunehmen.

Und dann sprach der Herr zu Noah: "Noah, mach gefälligst, dass du mit all deinen Sachen und allen Verwandten und allen Tieren aus der Arche kommst."

Noah tat so. Ein Jahr und zehn Tage nach dem Beginn des großen Regens betrat zum ersten Mal wieder ein Mensch die Erde.

Und Noah sprach, als er die Erde mit wackligen Knien, der Aufregung und der langen Seereise wegen, betrat, die bis heute unvergessenen und vielzitierten Worte:

"EIN KLEINER SCHRITT FÜR EINEN MENSCHEN,
EIN GROSSER SCHRITT FÜR DIE MENSCHHEIT."

Und Noah dankte als erstes Gott und baute ihm einen Dankaltar.

E N D E 

P. S. Dass Noah seine Arche danach als Hotel "Zum fröhlichen Ararat" verkauft hat, glaubt mir nach all dem sowieso niemand mehr. Es stimmt auch nicht;  s o  geschäftstüchtig war er nun auch wieder nicht!

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